Der Zweite Rundgang


Una piena del fiume sotterraneo

Von der kleinen Terrasse aus, wo der Zweite Rundgang beginnt, bietet sich eine beeindruckende Sicht in die Tiefe: an den durch die Erosion fast ebenmäßig abgerundeten Wänden fallen hier und da seltsam anmutende Gesteinskämme und -vorsprünge auf, während der Boden - wenn man bei einem Gefälle von 70 Grad von einem solchen überhaupt sprechen kann - von einem Mäander durchfurcht ist, der sich durch rinnendes Wasser vor noch nicht langer Zeit gebildet hat.

Der Weg führt steil hinab über eine stark gewundene Treppe, die erst nach 45 Metern im "Saal der Stimmen" ("Sala delle Voci") aufhört, einem großen elliptischen Höhlenraum, in dem eine besondere Anordnung der Wände ganz eigenartige akustische Wirkungen hervorruft.

Auf diesen Raum folgt ein Gang, der so niedrig ist, daß man gebückt hindurchgehen muß; kurz danach wird die Decke wieder höher und erreicht schließlich im "Saal der Täler" ("Sala delle Valli") eine Höhe von mindestens 10 Metern. Von hier aus geht ein Weg nach oben, der auf dem Rückweg benutzt wird.

Folgt man dem Weg weiter in die Tiefe, so gelangt man nach etwa 10 Metern in den "Saal des Acheron", der sich praktisch am Boden des Karstgesteins befindet, wo am Berührungspunkt zwischen Schiefer- und Kalkgestein drei kleine unterirdische Bäche zusammenfließen. Die ständige Gegenwart des Wassers und anderer erodierender Elemente haben auf Wänden und Decken bizarre Spuren hinterlassen. Im Schlick, einem sehr feinen, wässrigen Schlamm, der fast überall in großen Mengen den Boden bedeckt, entstehen Miniaturlandschaften, die überraschend naturgetreu Berge und Täler wiedergeben, welche von Schluchten und Einschnitten durchfurcht werden.

Man schreitet nun durch einen Gang, dessen Wände durch eine unglaubliche Anhäufung von Rundungen, Kolken und Nischen beim Besucher einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen; auf diesem Teil wird man ständig vom unterirdischen Fluß begleitet, der parallel zum Führungsweg verläuft. Dann gelangt man in den "Saal der großen Kuppel" ("Sala del Cupolone"), wo der geheimnisvolle "Siphonsee" beginnt, durch den der Acheron fließt, um dann in einer noch vollkommen unbekannten Welt zu verschwinden. Zurück geht es über einen kühnen Weg, der sich an eine steile Wand geradezu zu klammern scheint und der den "Gang der Täler" mit dem "Zwischengang" verbindet. Letzterer entstand ebenfalls durch Wasser, das durch Druck von unten nach oben strömte. Vor unendlich langer Zeit konnten die unterirdischen Gewässer dank des "Zwischengangs" den "Paß" verlassen — so kam es zur "Fossilisierung" des "Riesenschlundes" und einem starken Abfall des Grundwasserspiegels. Die Wände dieses Ganges sind fast überall mit unzähligen grauen Tropfsteinbildungen überzogen, bei deren Anblick man an etwas denkt, was recht wenig mit der Höhlenwelt zu tun hat: an einigen Stellen meint man weite Tannenwälder in Miniaturgröße zu sehen, an anderen Mönche in einer Prozession, anderswo wiederum Meeresalgen und Korallenriffe oder Pilzgruppen.